Schweineleasing im Trend: Erst streicheln, dann schlachten

 

Schweineleasing

Wem kann man noch trauen? Dem Dorfmetzger, dem Fleischverkäufer im Discounter, dem Bio-Siegel? Beim Fleischkauf drängen sich in den letzten Jahren immer häufiger ethisch-moralische Fragen auf.  Dioxin-Skandale und skrupelloser Umgang mit Tieren dringen langsam aber sicher auch bis zum harten Kern der Fleisch-Junkies durch. Was also tun? Unter anderem als Reaktion auf diese Entwicklungen haben Bio-Bauern das Konzept des Schweineleasing entwickelt. Dabei kauft der Kunde ein junges Ferkel, das er während der Aufzucht auf dem Biohof jederzeit besuchen und liebkosen kann – bis es dann mit spätestens 12 Monaten in seiner Tiefkühltruhe landet. Die persönliche Bindung zum Tier als Überwindung des Fleisch-Traumas? Das wollten wir von Anton Dapont wissen, der auf seinem Hof im bayrischen Egglham das Konzept des Schweineleasing seit einiger Zeit testet. Von David Seitz

Herr Dapont, wie oft kam es schon vor, dass jemand, der ein Schwein geleast hatte danach gar nicht mehr wollte, dass es geschlachtet wird, weil es ihm so ans Herz gewachsen war?

Das gab’s bisher noch nie. Das Schweineleasing ist ja im Prinzip auch nichts anderes als eine Lohnmast. Früher haben sich ja viele Familien noch ein Einzelschwein gehalten. Speziell für diese Gruppe, die es gewohnt war zu Hause noch ein Schwein zu haben, ist das Leasing gedacht. Denn ein Einzelschwein darf man so nicht mehr halten, zwei Schweine sind zu viel und so ergibt sich durch das Schweineleasing die Möglichkeit sein eigenes Schwein trotzdem aufzuziehen, beziehungsweise aufziehen zu lassen und zu wissen welches Fleisch man isst hat und woher es stammt.

Das heißt es ist schon rein rechtlich ausgeschlossen, dass jemand, der eine enge Bindung zu einem Schwein aufbaut, das Tier anschließend statt zum Schlachter, in seinen Vorgarten bringt?

Da geht es vor allem um den Tierschutz. Sie können kein Schwein einzeln halten und schon gar nicht einfach so zu Hause. Im Basisvertrag zum Schweinelasing steht drin, dass das Schwein nach spätestens einem Jahr geschlachtet werden muss, denn sonst geht auch bei mir der Platz aus. Es gibt Mini-Schweine die man sehr wohl daheim halten kann, aber kein ausgewachsenes Turopolje-Schwein.

Wie gehen die Kunden mit den Schweinen um? Sie bieten ja Besuche an, wie läuft das ab? Strreicheln die Leaser das Schwein dann und sprechen sie mit ihm oder sind das eher Kontrollbesuche?

Beides kommt vor. Es gibt auf der einen Seite Besucher, die kontrollieren wollen wie das Schwein gefüttert wird, wie sein Zustand ist, wie es lebt und ob es tatsächlich so aufgezogen wird, wie ich es darstelle. Es kommt aber genauso vor, dass Leute ihrem Schwein einen Namen geben. Die Schweine sind ja auch recht zutraulich und jedes Schwein ist am Ohr so markiert, dass man sofort erkennt welches Schwein zu wem gehört. Aber bisher kam es noch nie soweit, dass sich jemand nicht überwinden konnte das Schwein dann auch zu schlachten.

Könnte das Konzept –  eine persönliche Bindung zwischen Schwein und Leaser herzustellen – nicht schädigend für ihr Geschäft sein, weil sich der ein oder andere durch diese Erfahrung entscheidet weniger Flesich zu essen?

Das ist ja in Ordnung. Wenn man heutzutage Schweinefleisch kauft und weiß, wie diese Schweine normalerweiße gemästet und aufgezogen werden, in Boxen, zu Tausenden, mit einer Lebenserwartung von maximal 6 Monaten, vollgestopft mit Antibiotikum – und sie sehen dann die Schweine hier auf der Weide, dann ist das ein deutlicher Unterschied. Die haben hier ein Jahr lang ein ganz normales Leben, können herumlaufen, sich suhlen, haben kein Problem mit Stress oder Langeweile. Meiner Meinung nach sollte man lieber weniger Fleisch essen, aber dann Fleisch von Tieren, die natürlich aufgezogen werden.

Dann ist es also umgekehrt? Sie glauben, die persönliche Bindung macht noch mehr Lust auf Schweinefleisch?

Ja! Wenn man sieht wie die Ferkelchen langsam wachsen und wie sie leben, dann macht das vielleicht mehr Lust darauf dieses Schweinefleisch zu essen, als das Fleisch, das aus der Großzuchtanlage kommt, wo die Tiere als reines Produktionsmittel betrachtet werden.

Sie schreiben auf der Website: Besuche sind nach Terminabsprache möglich. Darf man bei ihnen auch unangekündigt vorbei kommen?

Theoretisch schon, ich bin nur nicht immer da, weil ich unter der Woche in München arbeite und nur am Wochenende auf dem Hof bin. Ich habe da zwar eine Angestellte, die sich um die Schweine kümmert, aber ich lerne natürlich auch gerne die Leute persönlich kennen. Mich stört es nicht wenn jemand unangekündigt kommt, nur kann es sein, dass ich nicht da bin oder mir keine Zeit für die Leute nehmen kann – darum geht es mir bei der Voranmeldung. Wer das Bedürfnis hat zu kommen um nachzuschauen wie es hier aussieht, wenn er sich nicht anmeldet, dann kann er das jederzeit tun – darf dann aber nicht erwarten, dass ich mir viel Zeit für ihn nehmen kann.

Das Ganze ließe sich ja mit einer Webcam erleichtern, über die man das Schwein rund um die Uhr beobachten kann…

Darüber habe ich auch schon nachgedacht, ich habe das auch schonmal bei einem Bauern aus Österreich gesehen, aber eins nach dem anderen. Ich könnte mir schon vorstellen das irgendwann mal als zusätzliches Angebot für den Kunden einzubauen, aber ich habe ja noch viele andere Tiere auf dem Hof, um die ich mich kümmern muss, deshalb ist das bis jetzt noch nicht entstanden.

Sie haben auch Rinder und Hühner, kann man die ebenfalls leasen?

Mit den Schweinen habe ich angefangen, ich denke aber darüber nach auch Kälber oder Rinder zu verleasen. Der Vorteil beim Leasen besteht einfach darin, dass sie von vorneherein ein Tier verkauft haben und dadurch wissen, dass es einen fixen Abnehmer gibt. Wenn die Schlachtreife erreicht ist, müssen Sie sich also nicht mehr darum kümmern das Fleisch noch an den Mann zu bringen. In der Schweiz gibt es ein etwas anderes Konzept mit Leasingkühen, die auf der Alm stehen, von denen man dann nach der Saison seinen Käse erhält. Solche Ideen sind halt immer etwas Besonderes und in der heutigen Zeit muss man sich einfach etwas Besonderes einfallen lassen – speziell wenn man im Bio-Bereich arbeitet. Man muss Kauf-Anreize schaffen.

Wer springt auf diese Anreize an? Welche persönlichen Motive bewegen ihre Kunden zum Entschluss, ein Schwein zu leasen?

Einmal ganz klar der Wunsch nach einem Bio-Fleisch von dem man weiß wo es herkommt und wie es aufgewachsen ist. Ausschlaggebend sind natürlich auch die Medien, die immer wieder über Antibiotika-Skandale und nicht artgerechte Haltung berichten – das trägt stark dazu bei, dass Leute ein Schwein leasen wollen. Dazu kommt, dass ich eine Schweinerasse halte, die vom Aussterben bedroht ist, die nur dann überleben kann, wenn sie auch vermarktet wird. So hilft man dabei eine gefährdete Rasse zu erhalten und weiß was in seinem Fleisch steckt, das ist eigentlich der Hauptgrund. Denn die Schweine fressen im Sommer nur Gras und gedämpfte Kartoffeln, im Herbst bekommen sie Fallobst von den Bäumen auf der Weide – sonst garnichts.

Ist so ein persönliches Schlachtschwein ein Luxus für Fleischliebhaber oder lohnt sich das finanziell auch für den Durschschnitts-Fleischesser?

Ich denke es kommt nicht viel teurer als normales Schweinefleisch aus dem Discounter. Es macht Sinn für eine ganze Familie oder eine Gruppe, die sich zusammenschließt, denn für ein ganzes Schwein braucht man schon einen großen Tiefkühlschrank. Rechnet mal alle Kosten zusammen, liegt der Preis für das Leasingschwein nicht wesentlich höher als der Supermarktpreis für Schweinefleisch.

Welche Kosten kommen also konkret auf den Schweineleaser zu?

Ich verkaufe das Ferkel mit 8 Wochen für 100 Euro und verlange Futtergeld von 30 Euro pro Monat. Wenn man also mit der Schlachtung ein ganzes Jahr wartet, kommt man auf 400 Euro. Rechnet man jetzt mit einem Schlachtgewicht von 80 Kilo, dann sind Sie bei 5 Euro pro Kilo. Das verstehe ich jetzt nicht unbedingt als Luxus. Wie schnell hat man 100 Euro für irgendetwas anderes ausgegeben und 30 Euro im Monat kann sich auch fast jeder leisten.

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Zur Person:

Anton Dapont, 52, arbeitet unter der Woche in München als Geschäftsführer eines Recyclingbetriebs. Am Wochenende kümmert er sich um seinen Biohof Hausberg in Egglham, wo er versucht “eine Landwirtschaft auf biologischer Basis unter Berücksichtigung von Permakultur sowie alten, widerstandsfähigen Haustierrassen, im Einklang von Natur, Tier und Mensch zu führen.”

One Comment
  1. Hallo,

    gutes Interview, aus meiner Erfahrung kann ich das nur unterstützen.

    Und mein Schwein Otto kommt auf dem großen Bild auch gut zur Geltung.

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