Warum ich „artgerechte Haltung“ nicht mehr hören kann

„Fleisch aus artgerechter Haltung“ – diese Formulierung hat sich so tief in den Fleischdiskurs hineingebrannt, dass sie seit Jahren ziemlich unhinterfragt verwendet wird. In Restaurants und Metzgereien soll dieser Satz suggerieren, dass das angebotene Fleisch mit gutem Gewissen konsumiert werden darf. Artgerecht bringt eine Fülle an Assoziationen mit: Das Tier hat nicht gelitten, hatte ein gutes Leben, keinen Stress, gute Fütterung und etwas Auslauf. Alles vielleicht richtig und gut – doch ist das wirklich „artgerecht“ im eigentlichen Sinne des Wortes? Wird das dem natürlichen Anspruch dieser Art, dieser Gattung, dieses Lebewesens wirklich gerecht?

Ein Rind, ein Schwein oder eine Gans ist kein mündiges Lebewesen, das seinen Anspruch auf eine bestimmte Haltungsform artikulieren kann. Daher ist diese Frage nie endgültig zu beantworten. Allerdings sollte man (finde ich) – wenn man das Wort „artgerecht“ schon in den Mund nimmt, auf den Naturzustand der Art blicken und ihn als Referenz dessen betrachten, was dem freien Willen der Art entspräche. Wie würde eine undomestizierte Gans leben, wenn man ihr nur alle Freiheiten ließe? Sie würde wohl nicht in einem Gehege verweilen, sich in einen Stall sperren lassen und sich ihr Futter „vorschreiben“ lassen. Sie würde leben wie eine Wildgans. Einzig und allein dieser Zustand, den Wildtiere genießen, ist aus meiner Sicht vollumfassend „artgerecht.“ Ich habe ein Problem mit diesem Wort  und seiner Verwendung. Es hinterlässt ein gutes Gewissen an der falschen Stelle. Fleischkonsum sollte immer mit dem Bewusstsein einhergehen, dass man das Leben eines Tieres opfert, das für den Menschen gelebt hat und nicht für sich. Das Label „artgerecht“ klingt für mich oft wie ein Sorgenfrei-Ticket beim Steak-Essen. Es klingt zu positiv.

Mindestanforderungen erfüllt artgerecht

Wild lebt selbstbestimmt und unbehelligt. Das ist der Idealzustand des Tierlebens – ein Zustand, der dem Menschenleben in Sachen Freiheit eventuell sogar überlegen ist. Diesen Zustand darf man getrost als artgerecht bezeichnen und von dort aus müssen Abstufungen getroffen werden, die viel genauer differenzieren als das bislang geschieht. Denn unter jene Tiere, die fälschlicherweise mit dem Label „aus artgerechter Haltung“ markiert werden, fallen solche mit völlig unterschiedlichen Haltungsbedingungen – und keine davon ist „artgerecht“ in meinem Sinne. Rein rechtlich ist die Bezeichnung allerdings in Ordnung, weil die Anforderungen an dieses Qualitätssiegel nicht besonders hoch sind und die Definition per Gesetzt eher als Mindestanforderung zu verstehen ist.

Im Bundesgesetzblatt Jahrgang 2007 Teil II Nr. 37 lässt sich exakt nachlesen, welche Kriterien die Bundesregierung an eine sogenannte „artgerechte Haltung“ stellt. Die Liste ist sehr ausführlich, wenngleich wenig restriktiv und wird mit folgendem Satz eingeleitet: „All facilities should be so constructed as to provide a suitable environment for the species to be kept, taking into account their physiological and ethological needs.“ Versteht mich nicht falsch: Ich bin glücklich darüber, dass sich unsere Regierung für Mindeststandards bei der Tierhaltung einsetzt. Die hier festgehaltenen Bedingungen gewährleisten allerdings lediglich, dass das Leben domestizierter Tiere möglichst erträglich ist. Dass sie möglichst wenig leiden und einen Hauch des Freiheitsgefühls, das durch die Domestizierung genommen wurde, nachempfinden können. Damit wird man dem natürlichen Anspruch eines Tiers jedoch nie und nimmer gerecht. Das ist nicht „artgerecht.“

Statt „artgerecht“: Wir brauchen neue Vokabeln

Ich erinnere nochmal daran: Dieser Artikel stellt nicht grundsätzlich die Domestizierung und Nutzung von Tieren in Frage, sondern die Verwendung des Begriffes „artgerecht“. Besonders absurd wird es, wenn man die Beziehung der Worte „artgerecht“ und „Haltung“ genauer betrachtet. Kann irgendeine Form des Inbesitznehmens und Haltens dem natürlichen Verlangen eines Lebewesens nach Freiheit gerecht werden? Nein. Genausowenig wie es „glückliche Hühner“ gibt – aber das ist eine andere Geschichte.

Bevor es nun zu philosophisch wird, lieber etwas Konstruktives. Wenn nicht „artgerecht“ verwenden, welche Bezeichnung denn dann? Wir brauchen neue Worte, die mehr Differenzierung in der Beschreibung eines Tierlebens zulassen und keine unwahren Umstände suggerieren. Vor einigen Tagen bin ich über den Begriff „ungequält“ gestolpert, den ein bayerischer Gasthof für die Beschreibung des servierten Fleischs benutzt. Das ist mutig, weil hier mit dem Wort „Qual“ – trotz der Verneinung – ein negativer Grundimpuls mitschwingt. Am Ende kommt diese Formulierung den Tatsachen jedoch viel näher als das unsägliche „artgerecht.“ Ein Freilandschwein mit gutem Futter und genügend Platz im Stall lebt bei Weitem nicht auf dem artgerechten Niveau eines Wildschweins, wird aber definitiv nicht gequält. Soviel Ehrlichkeit ist jeder Metzger, jeder Züchter und jeder Gastronom seinen Kunden schuldig.

  • Vielleicht braucht es eine konsequente Abschwächung dieses Begriffs, um dem Verbraucher nicht die Illusion zu vermitteln, ein Tier ließe sich freiwillig domestizieren. „Annähernd artgerechte Haltung“ oder „tierschonende Haltung“ wäre aus meiner Sicht deutlich zutreffender.
  • Vielleicht braucht es zur adäquaten Umschreibung der Umstände eines Tierlebens zwingend eine Kombination aus präzisen Vokabeln verschiedener Bereiche. Ich schlage als Mindestangaben vor: Auslauf, Fütterung, Transport: Weiderind aus Grasfütterung, Endmast mit Mais, vor Ort geschlachtet und zerlegt. Vermutlich dürfte man dasselbe Tier auch unter dem Label „aus artgerechter Haltung“ verkaufen – doch das ist im Vergleich dazu unzutreffend und gleichzeitig äußerst ungenau.
  • Vielleicht müsste man eine Skala definieren, die die Qualität von Tierleben nach verschiedenen Kriterien messbar macht und dem Verbraucher ein Gefühl dafür gibt, wie moralisch fragwürdig seine Kaufentscheidung ist. Ganz salopp gesagt: Von 1 – brutal gequält bis 10 – gänzlich ungequält. So würde sich zu den zwei eindeutigen Kauf-Faktoren Optik/Qualität (Marmorierung) und Preis zusätzlich ein weiterer Faktor gesellen, der die ethische Komponente greifbarer macht. Eine Art Gewissens-Ampel auf dem Etikett – vermutlich ein utopischer Gedanke.

Wichtig ist mir am Ende vor allem eines: „artgerecht“ darf nicht zum inflationär genutzten Marketing-Vokabular verkommen. Dieser Begriff sollte im Ranking zur Lebensqualität von Tieren die unangefochtene Spitze einnehmen und nur absoluten Premium-Produkten (Wild!) zuteil werden – damit uns beim Fleisch-Genuss in Zukunft noch öfter das Gewissen als Kontroll-Instanz dazwischenfunkt.

Disclosure: Ich esse unheimlich gerne Fleisch und werde das auch weiterhin mit Genuss tun. Ich denke aber zunehmend darüber nach, wie sich Fleischkonsum und Tierwohl besser vereinbaren lassen. 

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