Warum Hipster-Cafés ein Glücksfall für unsere Gesellschaft sind

Carrot Cake für 4 Euro Fuffzig, der Kaffee tröpfelt durch den wohl temperierten Keramik-Handfilter und die Kokos-Ingwer-Suppe kommt im shabby-chicen Keramikschälchen. Unschwer zu erkennen: Wir befinden uns in einem Hipster-Café. Das Schema lässt sich wie ein Baukasten durch grüne Smoothies, Buddha-Bowls, frisch gepresste Säfte und Chia-Goji-Müsliriegel erweitern. Superfoods allenthalben und Wollmützenträger, die gerne bereit sind, den Extra-Euro zu bezahlen, damit sie unter ihresgleichen weilen können. Klischees werden gerne bedient und man ist geneigt sie zu belächeln, diese gefühligen Genussmenschen. Doch das wäre ein grober Fehler.

Angefangen hat dieser Gedankengang bei mir – wie so oft – beim Fleisch. Ich frage mich häufig, wie man Menschen klar macht, dass es sich lohnt, für gutes Fleisch mehr Geld auszugeben. Mit moralischen Argumenten lässt sich die Masse meines Erachtens nach nicht überzeugen. Die einzige Chance liegt im Geschmack. Wer einmal richtig gutes Fleisch gegessen hat, kann nicht mehr zurück zum Billig-Standard, a.k.a Jungbulle aus dem Discounter. Doch gutes Fleisch ist so teuer, dass die Mehrheit spätestens beim Blick auf das Preisschild zurückschreckt. Wie weckt man also den Genießer-Instinkt beim Otto-Normal-Esser? Eine gute Chance hat man mit einem genialen Kaffee, gutem Kuchen und einem Ambiente, das Genuss im Alltag zelebriert und inszeniert.

Hipster-Cafés: Brutzelle für Genießer

Nachdem ich mich in den vergangenen Monaten immer häufiger in derartigen Lokalitäten – nennen wir sie Hipster- oder Szenecafés – wiederfand und mich von Weck-Gläsern mit Rote-Bete-Salat noch immer angezogen fühle, glaube ich realisiert zu haben, dass ich den wahren Wert dieser kleinen Cafés lange Zeit verkannt habe. Hipster-Cafés sind für mich die Speerspitze einer Bewegung, die bewussten Genuss mainstreamfähig macht. Das meine ich durchweg positiv. Eine Brutzelle für Gourmets im besten Sinne. Ein alltagsnaher Treffpunkt für Menschen, die Ernährung als essentiellen Faktor für ihr Wohlbefinden erkannt haben und diese Entdeckung ganz offen ausleben. Natürlich steckt da auch immer ein wenig Selbstbeweihräucherung der eigenen Peer-Group mit drin, aber ich sehe darin nichts Schlechtes.

Bewusst genießen – das gibt’s doch schon seit Jahren, höre ich meine Foodie-Freunde rufen! Slow-Food, Bio, Fine-Dining, Supper-Clubs. Stimmt. Doch die meisten Ausprägungen, die der Trend zum langsamen und genauen Hinschmecken hervogebracht hat, spielen sich irgendwo abseits der öffentlichen Wahrnehmung ab. In einer schwer zugänglichen und kaum einsehbaren Filterblase aus sozialen Netzwerken, Feinschmecker-Kommunen und Gourmet-Veranstaltungen. Der Otto-Normal-Esser hat im Alltag kaum Einstiegspunkte in jene Welt, in der Genuss zelebriert und extrem sensitiv gelebt wird. Zu teuer, zu exklusiv, zu abgelegen. Wären da nicht jene trendigen Cafés. Es ist ein Segen, dass sie mittlerweile kein Berlin-Mitte-Phänomen mehr sind. München, Hamburg, Köln, selbst meine Heimat Freiburg kommt langsam auf den Trichter.

Innovationsgeist trifft Perfektionsstreben

Vielleicht sollten wir uns von dem Begriff Hipster-Café verabschieden, weil er zu negativ konnotiert ist. Für mich sind diese Cafés eine Art Genuss-Zentrum. Hierher kann ich mich flüchten, wenn ich mich nicht dafür rechtfertigen will, dass mir der Kaffee im Büro einfach nicht gut genug schmeckt. Wenn ich mal wieder das Gefühl habe, dass ein Salat aus einem Weckglas einfach besser schmeckt. Dass ein Brownie verdammt noch mal pures Fett sein MUSS. Hier bin ich unter Meinesgleichen und hier versteht man mich, stillschweigend. Sind wir mal ehrlich: Was diese Cafés neben ihren teils ambitionierten Preisen meistens ausmacht, ist kulinarischer Innovationsgeist, Perfektionsstreben und ästhetisches Anspruchsdenken.

Der Kaffee kommt dann eben handgefiltert im Edel-Porzellan. Mit Kokosblütenzucker und hausgemachtem Hafer-Cookie. Das ist wie Haute Cuisine auf Bistro-Niveau. Man muss heute nicht mehr ins 3-Sterne-Lokal, um extrem leidenschaftliche Gastronomen in durchdachtem Ambiente zu erleben. Für 8 Euro erstehe ich einen hochklassigen Kaffee und ein Stück Kuchen, das mich jauchzen lässt. Dazu einen Barista, der mir gerne einen Crashkurs in Siebträgerkunde gibt. Niemand zwingt mich, diese Orte zu betreten, diese Preise zu bezahlen. Ich sehe das vielmehr als Einladung in einen leicht zugänglichen Genussraum, als Möglichkeit zur kurzen Alltagsflucht.

Kleine Alltagsfluchten für Jedermann

Und so kommt es, dass dann und wann auch mal ein kulinarisch unbescholtener Otto-Normal-Esser seine Nase hineinstreckt, in das kleine Café an der Ecke, aus dem es immer so fein frischgeröstet duftet. Vielleicht bleibt er auf einen Capuccino und lässt sich auch zu einem Stück Karottenkuchen überreden. Vielleicht erkennt er dann, dass die Rüblitorte der Oma – bei allem Respekt vor der alten Frau – doch deutlich trockener war als das unsagbar saftige Stück vor ihm. Dann könnte ihm klar werden, dass Ernährung nicht nur öde Familienroutine ist, sondern ein Stück Lebensqualität. Und vielleicht ärgert er sich dann gar nicht so sehr darüber, dass die hochwertigen Produkte dort ein bisschen mehr kosten, als bei Lidl. Mit ein wenig Glück versteht er, dass bewusster Genuss so unglaublich bereichernd ist und zurecht seinen Preis hat. Dann gelingt ihm unter Umständen sogar der Brückenschlag zu anderen Produkten und er macht in Zukunft einen Bogen um das Jungbullenfleisch im Discounter. Exakt dann hat ein Hipster-Café wieder einmal erfolgreich Hilfestellung geleistet, beim Einstieg in eine neue Welt des Schmeckens, Denkens und Fühlens.

Meine liebsten Hipster-Cafés in München

Aroma-Café München

Man versus Machine

Mahlefitz

Lost Weekend

Mit liebem Dank an Kunterbuntweissblau für die Bilder aus dem Café Rosi in München

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One Comment
  1. Genau so ist es, lieber David! Und ich finde ebenso, dass Genießen (egal, wovon) lebensnotwendig ist, hip oder her!
    Sandkorn

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