Zu den Privilegien eines bloggenden Journalisten gehört es, hin und wieder an Orte eingeladen zu werden, an denen man aus eigenem Impetus nie gelandet wäre. Und offen gestanden: Nach einem Privileg fühlen sich solche Einladungen nur dann an, wenn sich nach dem Aufenthalt die Erkenntnis einstellt, dass der eigene Horizont gerade auf erfreuliche Art und Weise geweitet wurde. So beginnt auch meine kleine Reise ins Hotel Alpenstern in Damüls ohne explizite Erwartungshaltung.
Hinweis: Der Besuch erfolge auf Einladung des Hotels. Meine Meinung bleibt davon unberührt


Die nüchternen Fakten: Ich hab’ Geburtstag, ein Neugeborenes und seine Mutter (meine Frau) mit an Bord, und die Sehnsucht nach ein paar entspannten Tagen und Kopf aus ist groß. Mein Snowboard steht auch seit zwei Jahren im Keller und dürstet nach Schnee. Das Hotel Alpenstern, direkt an der Skipiste gelegen und mit 4 Sternen S ausgezeichnet, klingt wie ein Ort, an dem wenig schiefgehen kann. So treten wir als kleine Family die Reise nach Damüls an und stolpern auf eine Sonnenterrasse mit Après-Ski-Schirmbar. Erst in diesem Moment realisiere ich so richtig: Wir sind im Skigebiet, im direkten Einzugsbereich einkehrschwingender Ski-Enthusiasten.
Kurz zieht vor meiner inneren Nase eine Wolke Wodka Bull vorbei, eine Reminiszenz an längst vergangene Après-Ski-Nächte, die ich – so viel Ehrlichkeit muss sein – damals wirklich genoss. Gerade sehnt sich mein Kopf nach Ruhe, gutem Essen, ein paar Abfahrten und einem bequemen Bett. Kann das Alpenstern das liefern? Ich bezweifle das kurz – zu sehr schreit in meinem Kopf gerade alles nach Feuer, Eis und Dosenbier. Zu Unrecht, wie sich zeigen wird.

Ein Haus mit Gesicht
Die folgenden drei Tage sind rückblickend eine Art Aneinanderreihung erfreulicher Entdeckungen und Überraschungen. Den Anfang machen Max und Corinna, die beiden Inhaber, die uns im Eingangsbereich begrüßen und dem gesamten Hotel ab diesem Moment den „familiengeführt“-Stempel aufdrücken, auf die beste Art und Weise. Wir werden uns in den folgenden Tagen immer wieder auf den Fluren treffen. Ich schätze das sehr, denn präsente Inhaber geben so einem Ort – trotz über 100 Betten – etwas persönlich Behütetes.
Die Hard Facts übers Alpenstern sind schnell erfasst: ein modernes, gepflegtes Hotel mit einem Gästemix von jung bis Familie bis betagt – es ist alles dabei. Der Wellnessbereich wirkt sehr neu und wertig, mit gigantischen Blickachsen ins Tal und in die Berge. Der Poolbereich ist sogar innen so schön, dass es mich gar nicht so sehr ins Infinity-Becken zieht. Der Standard ist hoch – es ist zum Rundum-Wohlfühlen. Doch das ist nicht das, was hängen bleibt. Es sind die vielen kleinen Details, die für mich viel mehr Aussagekraft haben als jeder einladende Wellnessbereich, weil sie etwas über den inhärenten Anspruch der Inhaber verraten.

Kulinarik statt Klischee-Après-Ski
Max und Corinna legen Wert auf gutes Essen. Max (auf Instagram „Montrachet-Max“) ist ausgezeichneter Sommelier und hat sich zusammen mit Hotelpatron und Schwiegervater einen amtlichen Weinkeller zusammenkuratiert. „Wir essen einfach gerne, das ist schon immer so“, sagt Corinna. Dass das kein Lippenbekenntnis ist, lässt schon der Türbehang am Eingang erahnen. „Weinkarte des Jahres“ vom Falstaff. 15,5 Punkte und drei Hauben im Gault Millau. „Vorarlbergs bester Sommelier“. Das sind keine Vorschusslorbeeren, das ist schon recht handfest und weckt die Vorfreude in mir, die sich am ersten Abend bereits einlöst.

Das Fleischfondue, das im Alpenstern in der Wintersaison als Pop-up angeboten wird, macht innerhalb einer Stunde klar, wie ernst man es hier mit der Kulinarik meint. Das Rindfleisch ist stark marmoriert. Die Pickles sind selbst eingelegt und bemerkenswert gut gewürzt, von knackigem Spargel über Honiggurken bis zur cremig-sauren Paprika. Der Wildkräutersalat kommt mit Pimpernelle, Schafgarbe, Vogelmiere und sehr gut abgeschmecktem French Dressing. Dazu vier hausgemachte Saucen und Pommes, von deren Crunch sich manches Schwimmbad was abschneiden kann. Ich bin regelrecht euphorisch ob der konsequent perfekten Umsetzung dieses Fondue-Arrangements. Als es zum Abschluss die Brühe als Shot mit einem Schuss Sherry gibt, habe ich verstanden: Das hier ist weit mehr als gehobenes Après-Ski.
Weitere Beispiele? Im Zimmer wartet als Begrüßungsdrink eine Flasche „Copenhagen Sparkling Tea“ im Eiskühler, einer meiner absoluten Lieblings-Proxys. „Eigentlich hätte es die Bratbirne von Jörg Geiger sein sollen, aber die war gerade nicht auf Lager“, erzählt Max später, ohne zu wissen, dass er mit dieser Aussage meine Hochachtung erntet, denn das zeigt: Man denkt hier mit. Stillende Mutter + Kind = kein Sekt oder Champagner. Klingt banal – muss man aber erstmal so durchkommunizieren, von Agentur zu Inhaber zu Personal. Mich beeindruckt sowas.
Der erste Morgen hält eine Premiere für mich bereit: Das erste Mal „Ski In – Ski Out“. Wie oft ich das schon gelesen habe, auf der letzten Talabfahrt, vorbeigleitend an Häusern, die so günstig liegen, dass man mit den Brettern quasi aus dem Bett auf die Piste rutscht. Ich war bislang immer der, der nur sehnsuchtsvoll gestaunt hat und dann im Sulz gen Skibus-Haltestelle weiterfuhr. Heute ist es soweit. Ich binde meine Snowboard-Boots und stehe exakt fünf Meter nach verlassen des Hotels auf der Piste. „Nie wieder anders,“ denke ich mir in diesem Moment. Nie wieder Skibus, nie wieder mit steifen Schuhen und nassem Rücken an der Pfandrückgabe stehen. Vielleicht ist das so ein „Point of no return“ Moment denke ich mir und gleite in einen herrlichen halben Skitag. Pünktlich zum Mittagessen bin in zurück und flüchte dann wieder hinein in den behüteten Schoß des Hotels, weg vom einsetzenden Terrassenrummel.




Kombucha im Spa, Burger von der Feuerplatte
Nach einem intensiven Vormittag auf der Piste zapfe ich mir um 14 Uhr selbst gebrauten Kombucha im Spa, knackig gesäuert und sehr gut gemacht. Die Bar überrascht uns abends mit zwei alkoholfreien Cocktails jenseits der üblichen verdächtigen Virgins, und die Halbpension ist ohne Ausreißer handwerklich stark gekocht. Der Burger auf der Sonnenterrasse kommt von der Feuerplatte, das Fleisch vom lokalen Metzger. Alles schreit: „Wir machen keine Kompromisse.“ Die 4,5 Sterne bei Google resultieren aus ein paar erbosten Ex-Gästen, die gerne wieder „die Preise von früher“ hätten. Man kennt’s.
Dem Alpenstern gelingt damit ein wundersamer Spagat zwischen zwei Welten, die sich in meinem Kopf bislang ausschlossen. Draußen wummern die Bässe, die Skischuhe klappern und kleben aperölern, die schnellen Brillen sitzen wie angegossen. Drinnen zapfe ich mir einen Kombucha, leg mich in die Sauna und freu mich schon wieder aufs Abendessen. Schön zu wissen, dass solche Orte kein Widerspruch sein müssen.