Vor ziemlich genau einem Jahr lag ich auf Koh Phra Thong am Strand und träumte mich ins gerade startende kulinarische 2025. Viele der Träume sind wahr geworden, einige davon sogar blitzschnell (danke, Johanna!). Dazu gesellten sich Dutzende Orte und Menschen, von denen ich garantiert geträumt hätte, hätte ich von ihnen gewusst. Kurzum: 2025 war kulinarisch richtig gut zu mir. Wer mir bei Instagram folgt, konnte das sicher durchs Handy hindurch spüren. Ich freue mich über jede Nachricht von Menschen, die durch meine Erlebnisse selbst Sehnsuchtsorte entdecken konnten. Deshalb gilt für mich auch in diesem Jahr die Devise: Ich bleib’ auf der Suche und teile, was mir gefällt. Orte, Produkte, Menschen.
Doch 2026 wird anders. Im November hat ein kleiner Mensch mein Leben betreten, dem ich jede freie Minute widmen möchte. Ich sehe aber schon jetzt: Einiges von dem, was ich lieb(t)e, geht auch als kleine Familie – wenn man sich nur traut. Deshalb setze ich mich jetzt ans Fenster, schweife ins bereifte Zillertal und träume wieder genauso wild wie im vergangenen Jahr.

Kulinarische Sehnsuchtsorte in DACH, die ich wahnsinnig gerne besuchen würde
Sehnsuchtsort ist hier so zu verstehen: Ich habe große Sehnsucht, diesen Ort zu besuchen, weil ich glaube, dass er danach zu einem Ort wird, nach dem ich mich sehnen werde. Mir geht’s dieses Jahr um möglichst wenig Show, möglichst wenig Effekthascherei, möglichst wenig Egos. Was ich suche: Klassisches Handwerk (Saucen!), beeindruckende Produkte und Menschen, denen es weniger um sich, als um die (kulinarische) Sache geht.
Schwarzer Adler x2 (Christian Baur / Johannes Nuding)
Schon ein wenig kurios, aber unter meinen Wunschzielen für 2026 gibt’s gleich zwei Schwarze Adler, die gemeinsam in Summe drei Sterne tragen. Der Schwarze Adler in Oberbergen ist für mich seit frühester Kindheit ein positivst konnotierter Begriff. Ich habe so viel Zeit im Kaiserstuhl verbracht, dass ich sicher schon Dutzende Male vorbeigefahren bin – damals noch sehr nichtsahnend. 30 Jahre später lockt es mich wie nie zuvor, diesen Traditionsort kulinarischer Klassik zu sehen und zu schmecken. Ich sehne mich mehr denn je nach guten Saucen, perfektem Handwerk und Top-Produkten. Das dürfte in Oberbergen zu finden sein. Sagt zumindest meine immer umfassend informierte kulinarische Beraterin Annette Sandner. 🙂
Zum Schwarzen Adler in Oberbergen
Den Schwarzen Adler in Hall in Tirol habe ich im Mai kennengelernt – wenn auch nur am Rande. Während meines Besuchs auf der Bib-Gourmand-Reise mit Österreich Tourismus aßen wir im Secco Bistro spektakulär gut und wurden von Lilith und Johannes so lieb umsorgt, dass aus einem schnellen Lunch ein 4h-Aufenthalt wurde. Am Ende standen wir im Dining Room des Zweisterners und Johannes Nuding nahm sich sehr viel Zeit, seine Philosophie und seinen Werdegang zu vertiefen. Was mir damals durch den Kopf ging: Wie gut muss es im „richtigen“ Restaurant schmecken, wenn das Bistro schon dermaßen abliefert? Als mein Freund Christian Kunze nach seinem Erstbesuch im Schwarzen Adler dann von „einem der besten Menüs des Jahres“ sprach, war klar: Das ist 2026 fällig.
Zum Schwarzen Adler in Hall in Tirol
Rote Wand, Julian Stieger & Jamie Unshelm
Ich war schon mal ganz knapp vor der Roten Wand – in einem Skilift, der direkt dran vorbeiführt, vor vielen Jahren – damals kochte noch Max Natmessnig dort und ich ahnte halbwissend, an was ich da gerade vorbeigondelte. Mit meiner Rezension von „Rote Wand Culinary Lab“ tauchte ich dann endlich ganz tief ein in den Kosmos der Familie Walch, und es traf mich wie ein Donnerschlag. Mein Fazit: „Dieses Buch öffnet eine Tür in einen Kosmos, von dem man vorher noch nicht wusste, dass man ihn danach unbedingt besuchen möchte. Das Culinary Lab der Roten Wand gehört (ganz offensichtlich) zu den ambitioniertesten und ernst gemeinten kulinarischen Forschungsstätten Europas.“ Wenn an Geschmack geforscht, Traditionen kultiviert werden und Essen mehr ist als ein Geschäftsmodell, dann zieht mich das magisch an. Und die Rote Wand erscheint mir aus der Ferne wie ein Konglomerat aus Idealisten, Forschern und einem Patron, der es liebt, all das zu ermöglichen. Ich möchte das sehen! Das Restaurant, das Labor, die Landschaft, die Menschen.
Taubenkobel, Alain Weissgerber
Der Taubenkobel war das dritte besternte Restaurant, das ich jemals besucht habe. Die ganze Gegend rund um den Neusiedlersee zog mich damals in ihren Bann, ohne dass ich genau benennen könnte, warum. Es kostete mich damals noch Überwindung, das Geld und den Mut aufzubringen, sich auf ein Menü auf diesem Level einzulassen, und ich wurde belohnt mit einem denkwürdigen Abend. Wie sich das liest, wenn jemand (fast) zum ersten Mal auf Taubenkobel-Niveau isst, könnt ihr im Blogpost von damals nachlesen. Seither beobachte ich das Flaggschiff der Familie Eselböck mit konstanter Neugierde und der Nostalgie eines Ortes, an den man irgendwann zurückkehren möchte – mit erwachsenen Augen und geschulterem Gaumen. Und ich denke, es ist so weit.
Kräuterreich, Vitus Winkler
Kochen mit Zutaten aus der Natur war mal ein Trend, heute ist’s mindestens ein Megatrend und lockt mich – trotz hoher Natur-Affinität – nicht mehr zwingend hinterm Ofen vor. Einer, dem ich das Commitment zur Naturnähe vollends abnehme, ist Vitus Winkler. Nicht, weil er gerade Koch des Jahres in Österreich geworden ist, sondern weil ich seinen Weg schon lange verfolge und seine Naturliebe nicht bei Wildkräutern und effekthascherischem Natur-Einsatz endet. Und: Weil’s ihm am Ende trotz aller Natürlichkeit um Wohlgeschmack geht. Den letzten Ausschlag gab ein persönliches Treffen im Oktober beim JRE Genusslabor. Sein Teller stach aus allen Gerichten hervor, unter widrigsten Umständen gekocht. Jetzt möchte ich mehr davon.
Vendôme, Dennis Kuckuck
Das Vendôme in Bergisch Gladbach ist im Umbruch. Auf Kochlegende Joachim Wissler folgte in diesem Jahr sein Sous-Chef Dennis Kuckuck, der seit 10 Jahren schon dort kocht. Im November 2024 hatte ich die Chance, die beiden gemeinsam in der Küche zu begleiten – bei einem Dreh im Hotel Castel in Dorf Tirol. Noch nicht wissend, dass dieser Wechsel bevorstand, faszinierte mich damals die Dynamik zwischen den beiden. Die Legende und der Shootingstar, der Mentor und sein Schützling, zwischen respektvoller Zurückhaltung und brillantem Fokus. Das sehr klassisch angelegte Menü begeisterte mich damals sehr und macht mich umso neugieriger, wie sich die Handschrift von Dennis Kuckuck im Vendôme niederschlagen wird. Ein guter Typ, von dem ich mir viel verspreche, als kongeniales Duo mit Larissa Metz als Patissière des Jahres 2025. Ein fundamentaler Generationenwechsel. Da deutet viel in die richtige Richtung.
Memories, Sven Wassmer
Ein weiterer guter Typ, von dem ich mir viel verspreche, ist Sven Wassmer – und das sage ich, ohne ihn persönlich zu kennen. Und sicherlich ohne mich damit zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Mit drei Sternen ist das Memories ein Pilgerort für Foodies weltweit. Mich zieht seit vielen Jahren vor allem ein Gericht an – stellvertretend für den alpengetriebenen Wahnsinn, der dort passiert: Der Saibling in gebranntem Rahm mit Tannenöl. Dieses Gericht verleitete mich schon zu einem Spontan-Besuch in seinem 1-Sterne-Ableger „Verve by Sven“. Die frittierten Austernseitlinge mit Tannennadelmayonnaise sind seither unvergessen. Dieses Jahr möchte ich gerne den nächsten Schritt gehen und Erinnerungen sammeln.
Man wird ja noch träumen dürfen: Die Phantasie-Bucketlist
Wer jetzt sagt: Da hat er sich aber ein paar dicke Bretter vorgenommen. Stimmt! Aber phantasieren kennt ja keine Grenzen. Deshalb hab’ ich auch noch über den DACH-Rand rausgeschaut, und da funkeln am innereuropäischen Horizont ein paar Orte sehr hell, deren Besuch für mich eher zum Thema „Lebenstraum“ gehört. Eine kurze Begründung muss jeweils ausreichen, zu fern ist die Perspektive noch.
- Plénitude, Paris: Für das Endgame in Sachen Saucen. Ich glaube, dass es weltweit keinen Ort gibt, der Sauce größer denkt.
- Ynyshir Restaurant, Wales: Einfach aufgrund eines Videos, das ich bei Eating With Tod auf Instagram gesehen habe. Wenn die Euphorie nur im Ansatz gerechtfertigt ist, muss ich da hin.
- Jordnær, Kopenhagen: Jedes einzelne Gericht, was von dort in meinem Feed landet, lächelt mich lüstern an.
- Casa Marcial, Arriondas: Dieser Bericht von Julian Walter hat gesessen: https://www.troisetoiles.de/blog/2024/11/30/casa-marcial-nord-zu-nordost
- Dotorea, San Sebastian: Weil Konstantin Jakabb von dort Stories teilte, die meine Neugierde angezündet haben wie in Grand Marnier ertrinkende Crêpes Suzette.